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Es war einmal ein prächtiger Tannenbaum. Der stand in einem dunklen Staatsforst und war umgeben von Artgenossen. Nicht weit von ihm befand sich eine idyllische Lichtung. Dort begann nicht nur der Laubwald, nein, es gab auch eine Futterstelle für die Tiere. Es hatte sich seit den Tagen Adams so ergeben, dass sich alle Geschöpfe des Waldes diesen Platz teilten. Gänzlich ohne Belegplan nutzten sie ihn zur Regeneration. Sei es durch kräftigendes Futter oder durch den sorglosen Genuss der Sonnenstrahlen. Seit einigen Jahrhunderten gab es sogar einen Waldhüter, der mit viel Liebe dafür Sorge trug, dass die Tröge der Futterstelle für jeden etwas bereithielten.

Es zog viele Hirsche und Rehe an diesen Platz, wie er magischer kaum sein konnte. Um die Jahreswechsel kamen auch rot gekleidete Wesen vorbei und erzählten sich Erlebnisse, die unter glitzernden Bäumen in warmen Zimmern voll würzig aromatischer Gerüche stattgefunden haben müssen. Unser Tannenbaum, der gute Ohren hatte, mochte da fast nicht glauben, was er hörte. Von Zeit zu Zeit nutzte auch eine Wildschweinfamilie diese Stelle zur Nahrungsaufnahme. Die Bache stand meist abseits und beobachtete gedankenversunken das Fressverhalten ihrer Kleinen. Bei heraufziehender Gefahr für ihre Kinder hätte sie mit jedem Eindringling eine tödliche Auseinandersetzung geführt. Die rot Gewandeten allerdings hatte sie nie recht dingfest machen können. Sie war sich noch nicht einmal sicher, ob diese Fabelwesen überhaupt existierten.

Ihr Letztgeborener bereitete ihr Herzenssorgen. Er hielt zwar mühelos das Tempo bei den familiären Streifzügen durch den Forst, war aber eher von zurückhaltendem Charakter. Sie sah das Drängeln der anderen Frischlinge. Bisher hatte ihr Benjamin immer noch genügend zu essen bekommen, so dass sie sich keinen Vorwurf machen musste. Er war zwar etwas weniger fett, aber solange die eisige Kälte nicht noch mehr anziehen würde, dürfte das keinen negativen Einfluss haben. Und trotzdem fürchtete die Mutter mit sorgenvollem Blick, dass genau dieser Kleine, der ihren Schutz doch so dringend nötig hatte, auf einem Teller mit Knödeln, Preiselbeeren und Rotweinsoße enden würde.

Ein Muttertier hat einen siebten Sinn für so etwas. Man hörte in letzter Zeit so viel Beunruhigendes von außerhalb des Waldes. Andererseits war noch nie jemand von dort zurückgekehrt und hatte glaubhaft von den Vorgängen bei den waldlosen Menschen berichtet. Nur Gerüchte. Aber, sie nahmen zu. Nachdem sich die Wildsau-Familie satt gefressen hatte, lief sie in den dunkelsten Teil des Waldes und schabte sich inbrünstig an dem Stamm unseres Tannenbaumes. Sie hatten alle etwas davon. Die Wildsäue entledigten sich des ein oder anderen Parasiten und der Tannenbaum wiederum fühlte sich anerkannt, ja gar geliebkost von seiner Wildschweinfamilie. Er dachte sich, es wird schon einen tieferen Sinn haben, wenn man einfach so herumsteht im Walde.

Zu der Zeit des ersten Schnees dröhnte ein Klopfen durch den Forst. Zunächst vermutete der Tannenbaum, es handele sich um einen Specht, der seiner Berufung nachgeht. Er konnte zwar von seiner Höhe aus den Wald überblicken. In jeden Winkel hineinschauen konnte er jedoch nicht. Hören hingegen funktionierte sehr gut. In der Ferne konnte er auch häufiges Krachen vernehmen.

Allmählich dämmerte ihm, dass es wieder mal Zeit wurde und der Wald von einer großen Traurigkeit befallen werden würde. Das große Schlagen setzte ein. Es hieß Abschied nehmen von so manchem über die Jahre hinweg lieb gewonnenen Kameraden. Als er jetzt unmittelbar an sich hinunterblickte, sah er an seinem Stamm Männer in gelben Jacken mit großen Schallschützern. Sie klopften an seinen Stamm. Rote Flugschlitten mit Rentieren im Gespann umkreisten seinen Wipfel. Er verstand nur, dass sie ihn für geeignet hielten und es für ihn doch eine Ehre wäre. Er vernahm ein Kreißen und spürte einen reißenden Schmerz. Dann verlor unser Tannenbaum das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kam, wusste er nicht, wo er war. Es roch ganz feierlich. Gerüche, die er aus seinem Wald nicht kannte, drangen ihm in die Nase. Süßlich und herzhaft. Fröhliche Stimmen erreichten ihn in der Höhe. Musik lag in der Luft. Es war nicht ganz so kalt wie im Wald. Über ihm schimmerten die Sterne; einer von ihnen saß sogar direkt auf seiner Spitze. Ihm war, als hätte er Tuchfühlung mit der Ewigkeit. Jetzt merkte er, dass sein Nadelkleid, das er eigentlich immer für schön genug gehalten hatte, mit roten Kugeln, silbernen Girlanden und vielen, vielen Kerzen geschmückt war. Die Menschen sahen erwartungsvoll an ihm herauf. Plötzlich brach die feierliche Klangkulisse in sich zusammen. Die Lichter erloschen. Es war gespenstisch still und dunkel wie in seinem geliebten Wald. Auf einmal gingen all die Kerzenlichter unseres Tannenbaumes an. Er erstrahlte und glitzerte. Das Funkeln, das von ihm ausging, erinnerte ihn an das Funkeln der Sterne, das er immer genossen hatte. Aus der Menge ertönte ein “Oh”! und ein “Ah!”. Die Menschen bewunderten ihn. Nach all den vorangegangenen beschwerlichen Tagen tat ihm dies wohl. Die Lichter in den Hütten leuchteten wieder. Die Musik setzte aufs Neue ein. Die Welt um ihn herum atmete Glückseligkeit.

So fügt sich doch letzten Endes immerfort alles zum Guten. Er wünschte sich gar nicht mehr zurück in seinen Wald und beschloss, all seine ihm verbliebene Lebenskraft zusammenzunehmen, um in den Tagen, die ihm noch gegeben waren, seiner Bestimmung gerecht zu werden.